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wenn Papa die Elternzeit übernimmt und Mama arbeiten geht

Genetische Dominanz: Übst du noch oder rollst du schon?

„Ganz der Papa!“
„Die Nase und der Mund – wie die Mama.“
„Nein schau mal, die Augen, wie Tante Astrid als Baby.“

Ja, baßd scho. Der genetische Fingerabdruck ist einer ziemlich subjektiven Wahrnehmung unterworfen. Und wenn man ganz ehrlich ist, so einfach ist das auch wirklich nicht. Der Kopf mit seinen riesigen Kulleraugen ist überproportional groß, Arme und Beine knubbelig kurz. Der Nachwuchs ist einfach das süßeste Baby auf der ganzen Welt! Denn genau darauf ist er evolutionsbedingt ausgerichtet. Er soll unseren Beschützerinstinkt wecken, unser Herz zum Schmelzen und vor allem die Muttermilch zum Fließen bringen. Wie soll man da auf Details achten, die Rückschlüsse auf den genetischen Ursprung erlauben?

Die Mama und der Papa machen sich trotzdem auf die Suche nach dem alles entscheidenden Merkmal für die genetische Dominanz. Augenfarbe, Haarfarbe, Nasenform und Fingerlänge – sind doch was was für Schmalspur-Genetiker. Die Erziehungspioniere wollen den ultimativen Beweis. Eine Sache wurde schließlich von Papa und Mama als signifikantes Entscheidungsmerkmal akzeptiert.

Kurze Zwischenfrage: Kannst du deine Zunge rollen? Also die Außenflügel deines Lecklappens zu einem Saugrohr hochklappen? Dann gehörst du zur großen Mehrheit der Menschheit (je nach Studie bis zu 81 Prozent) – der Papa gehört nicht dazu. Was ihm bislang nur Hohn und Spott seitens der Mama einbrachte, könnte ihm nun den ultimativen Beweis der genetischen Dominanz liefern.

Doch wann ist der Beweis erbracht? Klar, rollt der Nachwuchs erkennbar die Zunge, hat der Papa die Arschkarte gezogen. Aber wenn nicht? Wann gibt sich die Mama geschlagen?

So schnell auf jeden Fall nicht. Immer wieder erwischt der Papa die Mama in einem vermeintlich unbeobachteten Moment, wie sie das auf den Oberschenkeln ruhende Kind auffordert: „Komm zeig mir deine Zunge. Mach mal so!“ Der Nachwuchs schaut mit einer Mischung aus Unverständnis und Langeweile auf Mutters Rolllappen und macht – NICHTS. Ein Etappensieg für den Papa.

Doch dann die derbe Enttäuschung: Nicht dass der Nachwuchs plötzlich beginnt, die Zunge zu rollen. Nein! Aber weitere intensive, naturwissenschaftliche Nachforschungen seitens des Papas ergaben: Das von beiden Parteien als ultimatives, signifikantes Entscheidungskriterium für die genetische Dominanz akzeptierte Phänomen stellt sich als böse Ente heraus. Fälschlicherweise galt das Zungenrollen lange Zeit als Beispiel für dominanten Erbgang im Mendelschen Sinne. Aber der alte Augustiner-Mönch hat sich geirrt. Also eigentlich nicht Mendel selbst – der hatte schließlich nur mit Bienchen und Blümchen experimentiert – sondern die, die seine Regeln auf das Zungenrollen übertragen haben. Pustekuchen! Studien beweisen: Selbst wenn beide Erziehungspioniere Roller sind, kann der Nachwuchs ein Nichtroller sein (immerhin in 10 Prozent der Fälle). Oder umgekehrt: Beide Erziehungspioniere sind Nichtroller, aber der Nachwuchs schwingt die Flügel seines Lecklappens in die Höhe (34 Prozent).

Darüber hinaus zeigten Zwillingsstudien, dass sogar eineiige Zwillinge unterschiedliche Fähigkeiten des Zungenrollens besitzen können. Es kann also nicht nur an den Genen liegen. Denn andere Studien ergaben, dass manche „geborene“ Nichtroller das Rollen sogar lernen können.

Der Papa macht jetzt Schluss, stellt sich vor den Spiegel und übt fleißig. Man weiß ja nie: Sollte der Nachwuchs es doch können, kann Papa es bestimmt auch!

PS: Wer sich genauer mit dem Phänomen der genetischen Vererbung des Zungenrollens auseinander setzen möchte, findet hier eine wissenschaftliche Zusammenfassung. Wer – wie der Papa – zu den Nicht-Rollern gehört, sich aber nicht damit abfinden will – auf wikiHow gibt’s eine Anleitung.

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