papazeit.de

wenn Papa die Elternzeit übernimmt und Mama arbeiten geht

Ja-Umgebung bis 25 Zentimeter

Der Nachwuchs ist jetzt mobil. Das heißt: Er verlässt die Krabbeldecke, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Schlimmer noch: Er robbt aus der sicheren Welt der kindgerechten Spielzeuge in die Welt der vollgefährlichen Dinge. Und das in einem Tempo, das Mama und Papa ganz schön ins Schwitzen bringt. Besonders bei Ausflügen in eigentlich kinderfreie Wohnumgebungen hat dies umfangreiche Konsequenzen. „Nein!“ wird zum meistgenutzten Ausruf: Nein, nicht am Vorhang ziehen! Nein, das Kabel nicht in den Mund stecken! Nein, nicht das Katzenfutter essen! Nein, nicht schon wieder zur Steckdose! Oder einfach nur: NEIN! – wenn der Nachwuchs die aus dem hintersten Winkel der Wohnung gefischte winzige Schraube schon fast im Mund hat.

Weil das ziemlich nervt und unserer pädagogischen Grundhaltung – wir wollen unseren Nachwuchs bejahend bestärken – diametral entgegensteht, hat der Papa für den mobilen Nachwuchs eine Ja-Umgebung geschaffen. Heißt: Alles, was das Leben und die Gesundheit des Nachwuchses bedroht, muss raus. Klingt logisch, ist aber gar nicht so einfach.

Beispiel Dekoration: Die macht sich in der Wohnung schon ganz gut. Aber nur, wenn Öllampen, Blumenvasen, Zen-Gärten und Aufstell-Buddhas nicht vom Nachwuchs zweckentfremdet werden. Auch Weinkisten sind schön, aber nicht klettertauglich. Nachdem der Papa mehrere Stunden übers Parkett gerutscht ist, um alle potenziellen Gefahren aus dem Weg zu räumen, kam er zu folgendem Fazit: Alles was schön ist, ist lebensgefährlich und muss ausziehen! Wenigstens braucht die Mama keine Tischdecken mehr bügeln, die haben ihr neues Zuhause im Keller gefunden.

Zweites Beispiel: Stühle. Die sind echt praktisch, wenn man darauf sitzt. Wenn der Nachwuchs aber versucht, sich daran hochzuziehen, wird das physikalische Kräfteverhältnis auf eine harte Probe gestellt. Solange die Standfestigkeit des Stuhls stärker ist als die gebündelte Muskelkraft des Nachwuchses: kein Problem. Aber wenn dem nicht mehr so ist, wird’s gefährlich. Erst recht, wenn der Nachwuchs den Stuhl erklimmen will – aber so weit sind wir zum Glück noch nicht.

Drittes Beispiel: Steckdosen. Da gibt es diese Einklebe-Dinger von dm, Müller oder Rossmann. Alle haben eins gemeinsam: Sie taugen nicht viel. Kleben tun sie nämlich nur, solange man die Steckdose nicht benutzt. Zieht man einen Stecker, löst sich das Sicherheitsplättchen gleich mit. Man kann die Plättchen zwar wieder einstecken. Ob dies aber der Nachwuchs tut, der mal kräftig am Kabel gezogen hat? Die Dinger sind insgesamt ziemlicher Murks. Also hat der Papa alle vom Nachwuchs erreichbaren Steckdosen durch kindersichere Exemplare ersetzt.

Dass unsere Ja-Umgebung immer noch Grenzen hat, hat der Papa gecheckt, als eine befreundete Erziehungspionierin mit ihrem fast 2 Jahre alten – und freilaufenden – Kind zu Besuch war. Der Horizont unserer Ja-Umgebung liegt ungefähr bei 25 Zentimetern. Für unseren Nachwuchs ausreichend hoch, für den tapsenden Gast-Zwerg allerdings nicht. Während der Papa genüsslich seinen Kaffee trinken konnte und seinen Nachwuchs höchstens alle 10 Minuten mal wieder in die richtige Richtung drehen musste, war der Besuch mit „Nein!“-Rufen und Kurz-vor-knapp-Rettungseinsätzen gut beschäftigt.

Jetzt hat der Papa eine Kaffee-Einladung in die 95-Zentimeter-Ja-Umgebung der befreundeten Erziehungspionierin – und dann weiß er, was bald auf ihn zukommt.

« »

© 2017 papazeit.de. Theme von Anders Norén.