Babys Tag kann ein echter Dreckssack sein: die Milch fließt zu langsam, die Verdauung quält, die Händchen sollen zugreifen, wollen aber nicht, wie sie sollen. Sicher ist aber: Sobald der Papa den Nachwuchs von der Windel befreit, gehen die Mundwinkel nach oben und die Beinchen tanzen Lambada. Ohne störende Textilien macht dieses Bewegen einfach doppelt so viel Spaß. Hoch lebe die Freikörperkultur! Glücklicherweise hat die Freude am Nacktsein auch ihren Weg in die Hebammenhäuser und Kulturläden gefunden – in Form des Prager-Eltern-Kind-Programms (PEKiP). Hier dürfen Jungs und Mädels noch gemeinsam nackt turnen. Die Erziehungspioniere bleiben hingegen in der Regel angezogen. Der Papa hat sich und seinen Nachwuchs trotzdem angemeldet.

Quoten-Daddy

Und es kam, wie es kommen musste (und wie die Teilnehmerliste schon verraten hatte): In dem wohltemperierten Raum befanden sich acht Babys, sieben Mamas – und der Papa. Der war also zum ersten Mal in seiner Paraderolle als Quoten-Daddy. Aber ganz ehrlich: Der große Auftritt verlief erschreckend unspektakulär. Kein Begaffen, keine penetranten Nachfragen bezüglich der Beweggründe, kein Stochern nach dem familiären Hintergrund, und keine der Mamas wollte die seltene Spezies Vollzeit-Papa mal anfassen. Ein bisschen schade. Aber wenigstens blieb so mehr Zeit fürs Wesentliche: das Nacktturnen.

Was kann der, was meiner nicht kann?

Kaum liegen die Nackedeis auf dem Boden, wird gewackelt, gezappelt und gestrampelt, was das Zeug hält. Praktisch zeitglich fangen die Erziehungspioniere an, die Fähigkeiten des Nachwuchs zu vergleichen: Kopfhochhalten in Bauchlage – 43 Sekunden. Das Baby auf der Nachbarmatte schafft schon eine Minute, ist aber auch älter. Okay. Gegenüber rollt sich ein besonders übermütiger Turner schon selbstständig auf den Bauch, der eigene Nachwuchs schafft es nur auf die Seite. Grund zur Beunruhigung? Aber nein, beruhigt die Turn-Aufseherin. Alles gut. Wie zum Beweis greift der Nachwuchs blitzschnell und zielsicher nach dem Oball, während auf der Nachbarmatte großes Drama herrscht, weil die Hand-Auge-Koordination nicht gelingen will. Stich! Männer und Autos sind ein Dreck dagegen. Zum Glück wissen eigentlich alle, wie sinnlos solche Vergleiche sind. Aber diese fiese Stimme im Hinterkopf mogelt sich trotzdem immer mal wieder durch. Ruhe jetzt!

Windeleimer, Küchenrolle und Wasser stehen bereit

Eine Gemeinsamkeit haben alle Babys: Sie sind undicht, was beim Nacktturnen zwangsweise zu gelegentlichen Pfützen auf dem Boden führt. Ein Windeleimer, Küchenrolle und ein Eimer mit Wasser stehen für kleinere und größere Malheurs bereit. Natürlich hat der Papa auch Ersatzklamotten für den Nachwuchs dabei. Für sich selber leider nicht. Und so kommt es auch, dass er beim Abschlusslied fast auch noch der Freikörperkultur frönen muss, weil der Nachwuchs ihn kurz zuvor mit einem ziemlich ausgiebigen Pinkelstrahl bedacht hat. Apropos Abschlusslied. Zur motorischen kommt auch noch die musikalische Komponente: Zum Glück sind Anzahl, Komplexität und Tonlage der zu singenden Lieder auch für einen unmusikalischen Papa zu meistern. Zumal der Nachwuchs meistens lustig mitquiekt.

Gemütliches Beisammensein

Nun zum Kern der Angelegenheit: Das Ganze ist eigentlich kein Kurs. Hier wird nichts vermittelt und der Nachwuchs muss auch nicht irgendetwas lernen, beherrschen und vorturnen. Es ist vielmehr ein nettes Zusammensein, bei dem der nackte Nachwuchs krabbelt, robbt oder einfach guckt, was die anderen machen. Auch wenn zuhause schon genug davon rumliegt: Hier sind die Matten, Federn, Tücher und Bälle irgendwie spannender. Vor allem, wenn ein anderes Baby es in den Händen hält. Die Erziehungspioniere tauschen sich derweil über Dinge aus, die nicht weniger belanglos sind als das Flurgeflüster im Büro. Bei groß und klein geht es eben vor allem um eins: soziale Interaktion!

Der Papa packt mal die Tasche mit den Ersatzklamotten (für den Nachwuchs und den Papa), um 9.30 Uhr ist nämlich wieder Nacktturnen angesagt.