Unser Nachwuchs ist ein Gesellschaftsbaby. Seine Knatsch-Momente verschiebt er lieber auf die Zeit, in der er mit Mama und Papa alleine ist. Neuen Gesichtern begegnet der Nachwuchs meistens mit einem breiten Grinsen. Besonders beim U-Bahn fahren läuft er zur Höchstform auf. Ohne Anlauf spielt er sein gesamtes Repertoire an kommunikativen Möglichkeiten aus. Da wird gelächelt, gewunken, geklatscht und gequietscht.

An einem guten Tag braucht er keine 20 Sekunden, bis er den ersten Fisch an der Angel hat. Beliebteste Zielgruppe: Damen im besten Alter! Zugegeben, die sind meistens auch leichte Beute und springen in Handumdrehen auf die kleinsten Flirtversuche an. Meistens entwickelt sich daraus ein lustiges Winke-Winke-Spiel untermalt mit lustigen „Da“- und Quietschgeräuschen. Manchmal steigt dann auch der Papa ein, um sich nicht ganz ausgeschlossen zu fühlen. In der Regel wird es dann ganz nett. Aber nicht immer.

So wie an jenem Morgen im November: Messezeit, die U-Bahn platzt aus allen Nähten. Vertreter aus aller Herren Länder sind kaffeetrinkend und handytippend auf dem Weg zum Messezentrum. Die meisten zu „busy“ für die Flirtattacken des Nachwuchses. Die meisten auch zu „busy“, um Platz zu machen. Also bleibt der Nachwuchs – entgegen unserer Gewohnheit – im Kinderwagen und nimmt vorerst nicht auf Papas Schoß Platz. Findet er doof, was er auch lautstark kundtun muss. Drei Stationen später endlich, ein freier Sitzplatz. Wir nutzen die Chance. Nebenan ein junger Mann, gegenüber ein junges Mädchen und eine Dame im besten Alter. Doch noch bevor der Nachwuchs sein Weinen unterbrechen und seinen Charme spielen lassen kann, eröffnet die Silver-Surfer-Lady die Konversation. Wir sitzen noch nicht, da ruft sie laut: „Jaja, der Papa ist halt nicht die Mama!“ Sag mal, geht’s noch? Eine Spontanreaktion wäre angebracht, muss aber noch warten, weil der Papa gerade den Nachwuchs beruhigt, seine viel zu warme Jacke auszieht und den Beißring vorm Absturz bewahrt.

Als alles erledigt ist, hat der Papa sich folgende mehr oder weniger passenden Repliken überlegt:
1. Ich strecke der Dame das Kind entgegen und erkläre ihr mit Tränen in den Augen: „Die Mama hat uns sitzen lassen und ich bin völlig überfordert. Bitte, nehmen Sie das Kind“.
2. „Toll wäre, wenn wenigstens der Vater hier wäre, aber der muss im Altenheim Frauen wie Sie über die Gänge schieben.“
3. Oder, mein Favorit: „Ich habe mit so vielen Frauen geschlafen, ich weiß nicht, wer die Mutter ist.“

Irgendwann setzt bei der Silver-Surferin das Hirn wieder ein. Plötzlich findet sie ihre Reaktion dann wohl selber irgendwie doof. „Ist ja toll, dass sich heute auch die Väter kümmern“, versucht sie es. „Das war früher anders.“

Der Papa ist selten nachtragend. Also gibt er der Dame noch eine Chance. Im lustigen Plauderton berichtet das Silver-Girl von seiner verzogenen Tochter, die ihm bis heute – immerhin schon selber 40 Jahre alt – Sorgen bereitet und auf der Tasche liegt. Was man nicht alles nicht hören will, während man sich in der U-Bahn gegenübersitzt. Der Papa hört nur noch mit halbem Ohr zu, dämmert gerade vor sich hin, als er aus heiterem Himmel die Frage wahrnimmt: „Der geht aber noch nicht in die Krippe, oder?“

Mit den Worten „Doch, seit einer Woche!“ bringt der Papa sich und den Nachwuchs schnell in Sicherheit und nutzt den nächsten U-Bahn-Halt zur Flucht.